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Deepwork

Langeweile ist das ungesunde Essen unter den Zuständen. Niemand postet von Frittenfett glänzende Finger. Oder wie wunderbar langweilig es gerade ist. Langeweile hat wirklich schlechte Presse. Die hat sie nicht verdient. Denn wir brauchen sie, um konzentriert an etwas Komplexem zu arbeiten. Das hilft uns, glücklich zu sein.

«Die Langeweile zu vertreiben klingt erstmal gut. Problematisch daran ist, dass damit im Gehirn ein Pawlowscher Reflex aufgebaut wird. Dieser verknüpft Langeweile mit Ablenkung – eine Verbindung, die konzentriertes Arbeiten erschwert. Diese Art von Arbeit ist definitionsgemäss langweilig, weil sie sich auf eine Sache konzentriert statt auf neuartige Reize. Das Gehirn wurde aber trainiert, solche Langeweile nicht zu tolerieren.»

 

Das sagt Cal Newport zum Trendthema «Deep Work». Er weiss, wovon er spricht. Mit gerade mal 37 ist er Professor für Computerwissenschaften an der Georgetown University in Washington, D.C. Dazu betreibt er seit mehr als zehn Jahren einen erfolgreichen Blog über analoges Leben im Digitalen. Ausserdem hat er mittlerweile sechs in mehrere Sprachen übersetzte Bücher geschrieben, zuletzt «Digital Minimalism». Hier geht es darum, sein Smartphone zu behalten, ohne den Verstand zu verlieren. Im Vorgänger «Deep Work» lernen wir so zu arbeiten, wie wir schlafen möchten: Tief und erfüllt.  

 

Deep Work: wie und warum?

Warum wollen wir tief arbeiten – oder «konzentriert», wie es sehr deutsch in der Übersetzung heisst? Noch wichtiger: Können wir das überhaupt bei all dem Getöse um uns herum? Ja, sagt Newport. Aber wir müssen es üben. Wie Gitarrespielen oder die Tennisrückhand. Warum? Weil es uns glücklich macht, dadurch etwas wirklich Aussergewöhnliches zu schaffen. Und weil wir immer einen Teil unserer Aufmerksamkeit bei der letzten Aufgabe zurücklassen, wenn wir wenig konzentriert von einer Aufgabe zur nächsten springen. Dieses Potenzial fehlt uns logischerweise bei der nächsten. Das Ergebnis dürfte klar sein. 

 

#1: Weniger Screentime, mehr Langeweile

Einer der Schlüssel zur Vorbereitung auf die Tiefenarbeit ist daher, regelmässig Langeweile zuzulassen. Aus dieser Langeweile kann Kreativität entstehen. Dazu muss man das Handy nicht wegwerfen, sondern es einfach nicht überall hin mitnehmen. Zur Übung hat der Professor das in eine handliche Aufgabe verpackt: Benutze das Smartphone sieben Tage lang nur, um 

1.  zu telefonieren 

2. Textnachrichten zu schreiben oder zu lesen

3. dich mit Maps zu orientieren

4. Musik, Podcasts oder Audiobücher zu hören

Jeder Tag, an dem es (sogar nur ein bisschen) für Social Media, E-Mails oder Websites gebraucht wird, zählt nicht. Klingt einfacher, als es ist.

 

#2: Social Media Diät

Schlüssel Nummer zwei: Zumindest tagsüber Abstinenz halten in Sachen Social Media. Denn die leben von unserer permanenten Aufmerksamkeit, zu der sie uns mit Zustimmungsindikatoren wie Likes, Herzen, Retweets oder Shares konditionieren.

 

#3: Digitale Hilfsmittel, analoge Routinen

Drittens: Hilfsmittel für digitale Funkstille wie beispielsweise die App «Freedom» nutzen. Natürlich kann man sich aktiv entscheiden, für die nächste Stunde nicht auf Mails, Posts und andere Störungen zu reagieren. Aber das kostet Energie, die uns anderswo fehlt. Kopfhörer und ruhige Musik (oder selbst zusammenstellbare Naturgeräusche wie auf asoftmurmur.com) sorgen ebenfalls für Ruhe. Routinen – ein besonderer Platz oder feste Zeiten – sagen dem Hirn: Hier und jetzt wird konzentriert gearbeitet.

 

#4: Entspannung statt Nichtstun

Ganz wichtig: Entspannung, um neue Energie zu tanken. Natürlich bedeutet das nicht, das Internet leerzusurfen. Sondern spazierengehen, sich mit einem Gegenüber unterhalten, Musik hören oder ein Buch lesen – vorzugsweise gedruckt und ohne Internetverbindung. Intensiviert wird die Entspannung durch ein abendliches Ritual des Herunterfahrens: Überlegungen zu arbeitsrelevanten Dingen auf den nächsten Arbeitstag verschieben. Keine E-Mails lesen nach dem Abendessen. Kein nachträgliches oder vorbereitendes Durchspielen von Situationen und Gesprächen. Das muss man üben.

 

«Shallow» vs «Deep»: Die Mischung macht’s

Newport ist schon berufsbedingt kein realitätsfremder Technologiefeind. Im Gegenteil: Nur jemand, der das Digitale durchdrungen hat und es zu nutzen versteht, kann heute Hilfestellung für einen produktiveren und erfüllenderen Arbeitsalltag geben. Ein Alltag, der natürlich nicht aus achtkommafünf oder mehr Stunden konzentrierter Kreativität besteht. Schliesslich müssen Routinemails geschrieben, Tabellen kalkuliert und Meetings besucht werden. Das ist «Shallow Work», also Arbeit, die uns leichtfällt. Dafür bleibt bei maximal vier Stunden «Deep Work» genügend Zeit. Zumal sich diese Arbeit teilweise delegieren lässt. 

 

Zeit für ein Ziel

Es geht nicht darum, Nein zu beispielsweise Facebook zu sagen, um der Ablenkung eine Absage zu erteilen. Sondern weil wir uns aktiv einem wirklich wichtigen Ziel zuwenden wollen. Ein so wichtiges Ziel, dass wir Sehnsucht danach empfinden, es zu erreichen. Dazu räumen wir alles Unwichtige aus dem Weg. Und gewinnen Zeit und Musse für «Deep Work». Wem das zu esoterisch klingt, der darf sich auch einfach auf ein wenig Langeweile freuen.

4 Tipps für erfülltes Arbeiten

 

Nimm dir Zeit für «Deep Work».

Trage im Kalender ein, wann du dich auf etwas vertieft einlassen willst. (Achtung: Es heisst, länger als vier Stunden am Tag kann man sich nicht konzentrieren).

 

Lerne, dich zu langweilen.

Versuche die Langeweile auszuhalten in Situationen, in denen du sonst zum Smartphone greifst: An der Bushaltestelle, auf dem WC. So trainierst du die Konzentration, indem du dem Reiz widerstehst, dich abzulenken.

 

Verlasse alle sozialen Medien.

Zumindest während der Arbeit. Oder schaffe Zeitinseln dafür. Du wirst Nachteile erleben, aber dafür etwas sehr Wertvolles erhalten: Zeit. Zum Beispiel für «Deep Work» und einen befriedigenderen Alltag.

 

Schaffe Rituale.

Damit förderst du deine Konzentration. Setze dich beispielsweise in gewissen Situationen immer an einen bestimmten Ort. Damit sagst du deinem Hirn: Hier wird gearbeitet, nicht im Internet gesurft.